Therapeuten mit Biss - Die Blutegel

Blutegeltherapie – Das klingt blutig, glitschig und ekelig. Dabei leistet der Blutegel in der Medizin wertvolle Dienste. Auch bei Pferden kann der „Hirudo medicinalis“ bei vielfältigen Krankheitsbildern eingesetzt werden. Die Indikationen reichen von der akuten Hufrehe über entzündliche oder chronische Prozesse, Blutergüsse bis hin zur Arthrose.

Die Blutegeltherapie ist eine alte Therapieform, die nachweislich schon seit etwa 3000 Jahren eingesetzt wird.

Mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts begann ein regelrechter „Blutegelboom“, vor allem in England und Frankreich. Es gab kaum eine Krankheit die man nicht mit Hilfe der Blutsauger zu kurieren versuchte, was dazu führte, dass Blutegel in Mitteleuropa nahezu ausstarben. Seit den 70er Jahren findet die Blutegeltherapie wieder Ihren Einsatz in der Behandlung. Aber nicht nur in der Humanmedizin auch in der Tierheilkunde greift man vermehrt zum „Therapeuten mit Biss“.


Ekel ist unbegründet

Fünf Augenpaare, zwei Saugnäpfe, drei sternförmige Kieferleisten mit jeweils ca. 80 winzigen Kalkzähnchen und die Lieblingsspeise Blut – Diese Beschreibung klingt stark nach einer Figur aus einem Gruselfilm. Doch betrachten wir die Blutegel genauen, sehen wir einen schillernd gefärbten Körper, einen Bewegungskünstler mit delphinartigen Schwimmbewegungen, entdecken dass er völlig ungefährlich ist und auch gar nicht eklig. Blutegel sind auch keine Nutznießer wie Zecken, Flöhe oder Bremsen, welche Ihren tierischen Wirt nur aussaugen - Ihr Biss ist für beide Seiten nützlich.

Was bewirkt der Biss der Blutegel?

Durch die spezielle Bisstechnik ist dieser nur wenig schmerzhaft, denn die sternförmig angeordnete Sägeleisten raspeln sich vorsichtig durch die Haut, um zum Ziel der Wünsche - dem Blut - zu gelangen. Zwischen den Kalkzähnchen sind Öffnungen, durch die die SALIVA, der Blutegelspeichel abgegeben wird. Während des Anbeißens, des Saugens und des Loslassens gibt der Blutegel über die Saliva medikamentenähnliche Wirkstoffe an den Pferdepatienten ab

 

Die genaue Zusammensetzung der Saliva ist bis heute noch nicht vollständig erforscht. Man vermutet, dass das Speichelsekret des medizinischen Blutegels 30 bis 100 verschiedene biologisch und pharmazeutisch wirksame Substanzen enthält. Bislang sind nur acht benannt und größtenteils erforscht. Doch wie wirken diese Stoffe bei der Behandlung?

In der Anfangsphase des Bisses setzt die Hyaluronidase die Durchlässigkeitsschranke herab und macht den Weg für weitere Substanzen durch die Zell- und Gefäßwände frei. Infolge der schleimlösenden Eigenschaften der Hyaluronidase werden auch antibiotische Eigenschaften vermutet. Die nun ins Gewebe folgenden Wirkstoffe sind die Egline welche sowohl an der Gerinnungs-, Elastase- wie auch an einer Entzündungshemmung Anteil haben. Eglin hat zudem noch eine schmerzlindernde Wirkung. Bdelline, Apyrase und Kollagenase spielen spezifische Rollen in der Gerinnungshemmung und sind teilweise wachstumsfördernd für Neuriten (Fortsätze der Nervenzellen). Eine histaminähnliche Substanz wirkt gefäßerweiternd und bewirkt dass das Blut schneller zu der “Biss-Stelle“gelangt. Der bekannteste Wirkstoff ist das Hirudin. Es ist gerinnungshemmend und sorgt dafür, dass das Blut als Nahrungsquelle für den Blutegel während des Saugens fließfähig bleibt. Es hat jedoch eine nur kurzzeitige Wirkung. Ein weiterer Blutgerinnungshemmer ist das Calin. Es bewirkt im Anschluss an das "schnelle" Hirudin, die ca. 4 – 24h dauernde Reinigung der Wunde durch das Nachbluten, wodurch es zu dem bekannten sanften Aderlass kommt. Aus diesen Stoffen ergibt sich eine der wichtigsten medizinischen Heilwirkungen des Blutegels. 


Eine Blutegeltherapie lindert Schmerzen, beseitigt Stauungen und kurbelt den Stoffwechsel an, wodurch wiederum der Heilungsprozess beschleunigt wird. Der schonende Aderlass wird in der Tiermedizin vor allem bei Erkrankungen des Bewegungsapparates eingesetzt. Bei vielen Formen von Entzündungsprozessen verschaffen die Blutegel Schmerzlinderung und eine Entzündungshemmung. Die Behandlung schlecht heilender Wunden kann durch den Einsatz von Blutegeln sinnvoll unterstützt werden. 

Weitere Anwendungsgebiete, bei der die Blutegel wertvolle Hilfe leisten können, sind:

  • Arthritis/Arthrose
  •  Erkrankungen des Bänder- und Sehnenapparates 
  •  Ekzeme (z.B. Mauke, Sommerekzem)
  • Gelenksgallen, Piephaken, Stollbeulen
  •  Huferkrankungen (z.B. Hufrehe, Hufrollenproblematiken)
  •  Hämatome (Blutergüsse)
  •  Narbenbehandlung
  •  Wundheilungsstörungen und vieles mehr

Vorgehensweise / Ansetzen des Blutegels

Zum Ansetzen eines Blutegels am Pferd gibt es verschiedene Vorgehensweisen, welche je nach Patient, Krankheitsbild und geplanter Ansatzstelle variieren können.

Grundvoraussetzung für ein erfolgreiches Ansetzen der Egel ist, dass ein Behandlungsort gewählt wird, an dem sich das Pferd wohl fühlt und es auch für längere Zeit ruhig stehen bleiben kann.

Die pralle Sonne bei heißen Temperaturen oder zugige Orte sind ebenso zu vermeiden wie Orte im Stall, an denen permanent andere Pferde vorbeigeführt werden müssen und viel „Durchgangsverkehr“ herrscht. Bei der Behandlungsdauer von 30 bis 120 Minuten liegt dieses zum einen im Interesse des Pferdepatienten aber auch ganz speziell an der Beisslust sowie Sensibilität auf Temperatur und Außenreize der Blutegel.

 

Man kann grundsätzlich zwischen der gesteuerten Suche der Ansatzstelle und der Selbstsuche der Ansatzstelle unterscheiden.

 

Bei der gesteuerten Suche der Ansatzstelle wird der Blutegel punktgenau bzw. auf einem kleinen, vom Therapeuten ausgewählten Areal, platziert. Mit Hilfe einer abgeschnittenen Einwegspritze oder eines kleinen Kunststoffglases kann die Stelle eingegrenzt werden. Die Selbstsuche der Ansatzstelle zeichnet sich dadurch aus, dass der Therapeut den Blutegel auf den Krankheitsherd oder, wenn dieser sich nicht genau lokalisieren lässt, in dessen Nähe setzt und der Blutegel die Bissstelle selbst suchen und bestimmen darf. Da die kleinen Therapiehelfer ein sehr feines Gespür für Entzündungsherde haben und ohnehin erwärmte, gut durchblutete und pulsierende Areale bevorzugen, finden sie meist sehr gut eine - auch aus therapeutischer Sicht gut geeignete - Bissstelle. Sollte die von Egel gewählte Bissstelle dennoch einmal etwas entfernt vom Entzündungsherd liegen, ist das nicht weiter schlimm, da der Blutegelbiss eine systemische Wirkungsweise hat. Dies bedeutet, dass sich das Wirkungsspektrum des Blutegels nicht nur lokal auf die Bissstelle beschränkt, sondern sich auch auf die umliegenden Areale im Organismus erstreckt.

 

Ein erwachsender Blutegel, der zwischen 4 – 10 g wiegt, nimmt während seiner Mahlzeit ca. das sechs- bis zehnfache seines Körpergewichtes an Nahrung auf. Dies entspricht je nach Größe des Blutegels 20 – 50 ml Blut. Weil er während der Mahlzeit die wässrigen Bestandteile des aufgenommenen Blutes über die Haut wieder ausscheidet, muss er nur etwa 60 % der getrunkenen Blutmenge speichern. Ist er satt fällt er eigenständig von seinem Pferdepatienten ab. Die Nachblutung beginnt und etwas die gleiche Menge an Blut fließt nochmals ab.

 

Die Natur hat uns mit dem Blutegel ein wertvolles Mittel mit Kombinationswirkung geschenkt und sie stellen in der ganzheitlichen Tierheilkunde eine weitere Therapieform dar. Natürlich gibt es Grenzen der Blutegeltherapie und auch Ausschlusskriterien, bei denen diese Behandlung nicht oder nur eingeschränkt durchgeführt werden kann oder darf.

 

Haben Sie Fragen zur Therapie, den Einsatzmöglichkeiten oder dem Vorgehen, so sprechen Sie mich an. Gerne klären wir in einem Gespräch, ob eine Blutegeltherapie für Ihr Pferd in Frage kommt.